Vorannahmen

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie schnell Sie mit einer Annahme über eine Person oder einen Sachverhalt aufwarten, obwohl Sie die Herkunft oder die Hintergründe gar nicht kennen?

Und damit meine ich nicht Vorurteile, sondern einfach nur die Tatsache, dass Sie über einen Menschen etwas denken, dass dieser so oder so ist und dieses oder jenes tut, nur weil ein Merkmal oder eine Verhaltensweise dieser Person dies vermuten lässt?

 

Sie nehmen also etwas an, dass Sie nicht genau wissen und auch nicht wissen können, denken zugleich aber gleichzeitig, dass das, was Sie annehmen, wahr sein muss.

Wenn Sie morgens in der U- oder S-Bahn bei Ihrem Sitz-Nachbarn eine leichte Alkoholfahne wahrnehmen, ertappen Sie sich vielleicht bei dem Gedanken, dass dieser ein Trinker ist und schon morgens zur Flasche greift, um irgendwie über den Tag zu kommen. Vielleicht hat dieser Mensch nur morgens schon mit einem Glas Sekt auf den Geburtstag seiner Partnerin oder Partners angestoßen, oder einfach nur einen Hustensaft getrunken. Wer weiß?

Wenn Ihnen ein ungepflegter Mensch entgegenkommt, mit fettigen Haaren und etwas derangiertem Äußeren, dann ist die Schublade, dass dieser Mensch ein „Penner“ sein muss, gleich aufgezogen und dieser Mensch dort untergebracht.

Vielleicht ist genau dieser Mensch sehr wohlhabend und legt auf sein Äußeres einfach keinen Wert, weil er es sich leisten kann?

Auch beim sogenannten Tratschen, wird gerne über andere Menschen geredet und Wahrheiten erfunden, die so nicht bestätigt wurden.

 

Vorannahmen zu haben, ist ganz normal und menschlich.

In allem was wir sagen, teilen wir unseren Gesprächspartnern mit, was wir von ihm und anderen Menschen halten.

Dabei gehen viele Menschen davon aus, dass Ihre Sicht der Dinge, die „objektive“ Wahrheit ist, da sie selbst ja schon diese oder jene Erfahrung gemacht haben und somit die Realität in Bezug auf Ihre Erfahrung richtig einordnen und bewerten können. Die Schubladen im Denken sind wohlsortiert und Menschen und Begebenheiten, die einem während des Tages begegnen und wiederfahren, werden sofort ordentlich einsortiert. Schublade zu, fertig!

Das ist im Grunde erst mal ganz unbedenklich, wenn man zusätzlich in der Lage ist, die Schublade auch wieder auf zu machen, neu zu sortieren, d.h. neu zu überdenken und neue Erkenntnisse erkennen zu können und zuzulassen, und vielleicht alles nochmal neu einzuordnen. Eine neue Erfahrung gemacht! Die Meinung geändert?

Kritisch wird es meiner Meinung nach, wenn man an festgefahrenen Denkweisen und Annahmen dogmatisch festhält, keine andere Meinung zulässt und sogar bei offensichtlichen Gegenbeweisen immer noch felsenfest daran festhält, dass ein bestimmter Mensch „so ist“ und weil er „so ist“, „dies oder jenes tut“. Und aufgrund der eigenen Lebenserfahrung, darf und kann es nur so sein!

 

Dass es sich bei dem eigenen Denken eben nur um die eigenen Gedanken handelt, die sich vor dem Hintergrund ergeben, dass eigene Erfahrungen, die eigene Geschichte, eigene Erlebnisse, das eigene Weltbild und vor allem die eigene konstruktive oder destruktive Denkweise, einfließen und einen großen Einfluss haben.

Das eigene Weltbild (wie erfahre ich die Welt) ist rein subjektiv und gibt es in dieser Form, also in Ihrer Form, genau einmal. Kein anderer Mensch erfährt die Welt genau wie Sie. Ähnlichkeiten in der Wahrnehmung und im Verhalten lassen aber den Schluss zu, dass man sich gut versteht, weil es eben so gut zueinander passt.

Gemeinsame Werte zu haben, gemeinsame Interessen und das ähnliche (oder sogar gleiche) Denken über Menschen und Begebenheiten lassen uns glauben, dass auch der Rest der Welt so „objektiv“ denkt.

Vorannahmen sind, und das sagt das Wort Vorannahmen auch schon aus, keine Wahrheiten und kein faktisches Wissen, sondern eigentlich nur Hypothesen, die wir als Menschen aufstellen in Bezug auf andere Menschen und Begebenheiten.

Von vielen Menschen werden diese Hypothesen und Vorannahmen aber nicht als solche erkannt, sondern als Tatsachen behandelt und als neue Wahrheit in die Welt getragen.

 

Im Umgang miteinander und in der gemeinsamen Kommunikation wird somit oft interpretiert und auch immer bewertet (und das ist auch einfach nur menschlich), nur ist es wichtig zu erkennen, dass dieses Interpretieren und Bewerten rein subjektiv ist.

Fragen Sie Ihren Nachbarn, der denkt vielleicht schon ganz anders über den gleichen Menschen oder über das Geschehen in der Welt.

 

Selbstverständlich kann man auch positive Vorannahmen haben, die für das eigene Leben hilfreich und nützlich sein können.

Die Annahme „das Leben meint es gut mit mir“, kann dabei helfen, positiv zu denken und mit einem Lächeln dem Tag zu begegnen. Und wer dem Tag entgegenlächelt, der bekommt vielleicht sogar ein Lächeln zurück.

Wer die Annahme vertritt, dass die Menschen im Allgemeinen gut sind und einem nichts Böses wollen, wird sich im Miteinander anders verhalten, als jemand, der denkt, dass der Andere einen doch nur über den Tisch ziehen oder sich auf irgendeine Art und Weise einen Vorteil verschaffen will.

Man kann auch davon ausgehen, dass alles, was andere Menschen einem (an)tun, zunächst mit einer positiven Absicht geschieht. Auch, wenn man zuweilen die Erfahrung macht, dass positive Absichten im wahrsten Sinne des Wortes „blöd laufen“ können.

Wie heißt es so schön, die Steigerung von „gut gemeint“, ist „blöd gelaufen“.

Aber mit der Grundannahme der positiven Absicht (nach der Familientherapeutin Virginia Satir), kann man mit gegebenenfalls auch kritischem Verhalten unter Umständen besser umgehen.

Vorannahmen gehören zur Menschheit, seit es den Menschen gibt.

Unsere Vorfahren, irgendwann in einer steinzeitlichen Vorzeit, haben sicher auch Annahmen getroffen, über den feindlichen Stamm und wie die wohl so sind und was die wohl so tun und dahingehend auch Ihr eigenes Denken und Verhalten eingestimmt und angepasst.

 

Was kann man tun?

Da Vorannahmen zu uns Menschen gehören, wie der eigene Fingerabdruck, kann und soll man sie ja nicht einfach nur weglassen oder ignorieren. Das würde auch nicht funktionieren, sind wir doch immer denkende Wesen, die die Geschehnisse in dieser Welt und die Menschen, mit denen wir es zu tun haben und die uns begegnen, immer bewerten, interpretieren und automatisch in das eigene „Weltbild“ einordnen. Das ist wichtig und richtig, damit wir auch -im positivsten und besten Sinne- wertschätzend und empathisch miteinander umgehen können.

Dennoch, bei allen Vorannahmen, ist es zunächst wichtig, dass das, was man denkt und redet, als Vorannahme erkennen kann.

Ist es wahr was ich gerade denke und sage, oder ist es nur eine Vor-Annahme, die ich gerade habe?

Um die Vorannahme aufdecken zu können, muss man sie hinterfragen!

 

Wenn zum Beispiel die Nachbarin erzählt, dass der Mann von Frau Ypsilon ein Trinker ist und keine Lust hat sich eine Arbeit zu suchen, sollte man in jedem Fall hinterfragen.

  • Aus welcher konkreten Beobachtung heraus schließt die Nachbarin daraus, dass es so ist?
  • Und kann Sie davon ausgehen, bei Betrachtung aller Umstände, dass das tatsächlich die Wahrheit ist?
  • An welchem konkretem Verhalten, lässt sich auf das Trinken schließen?
  • An welchem konkreten Verhalten lässt sich ableiten, dass der Mann keine Lust hat, sich Arbeit zu suchen?
  • Aus welcher Erkenntnis lässt sich diese Behauptung festmachen?
  • Und ist das alles wirklich so, oder könnte es nicht ganz anders sein?

Es sind sicherlich viele andere Fragen möglich, die eine Vorannahme hinterfragen lassen.

Wichtig bei Vorannahmen ist, den Gesprächspartner, oder sogar sich selbst, dazu zu bringen, die Vorannahme als „es ist auch anders möglich“ zu sehen.

Sobald man die Vorannahme konkretisiert und hinterfragt, ob ein bestimmtes Verhalten auch anders interpretiert werden könnte, hat man seine Denk- und Sichtweise schon geändert und sieht den Gegenüber vielleicht in einem anderen Licht.

Seien Sie sich einfach bewusst, dass wir den ganz Tag mit Vorannahmen über unseren Kollegen, über unseren Chef, über den Nachbarn, die anderen Autofahrer oder wem auch immer gegenüber unterwegs sind.

Lassen Sie es nicht zum Vorurteil werden und hinterfragen Sie sich selbst gerne immer wieder: „Ist das wirklich so?“ und „Könnte es nicht ganz anders sein?“

Ihre

Karoline Beck

 

 

Wie immer dient dieser Blog dazu, Sie zum Nachdenken anzuregen oder Impulse zu geben. Dieser Blog beabsichtigt nicht, ein Thema umfassend, abschließend oder wissenschaftlich zu beschreiben, sondern er soll Sie unterhalten, inspirieren oder Ihnen einen Gedanken schenken, der gerade heute für Sie wichtig ist.

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